BZ vom 5.12.2017


KENZINGEN. Am Freitag wurde das neue sozialpsychiatrische Pflegeheim der Bruderhaus Diakonie eröffnet. Maximal 40 psychisch erkrankte Menschen können darin untergebracht werden. 6,3 Millionen Euro hat das zweigeschossige Gebäude gekostet. In einer kleinen Feier, umrahmt von der GHSE-Band um Musiklehrer Thomas Franke, wurde das Gebäude seiner Bestimmung übergeben. Am Sonntag folgte ein Tag der offenen Tür.
Der Standort im Wohngebiet soll ermöglichen, die Bewohner des Pflegeheims in das Stadtleben zu integrieren, erklärte Günter Braun vom Vorstand der Bruderhaus Diakonie. Das sei am bisherigen Standort in Kirnhalden nicht möglich gewesen. Er erinnerte daran, wie vor fast 50 Jahren der Kreis bei der damaligen Stiftung Haus am Berg anfragte, ob sie den Gebäudekomplex als Pflegeheim nutzen wolle und im Ernstfall dem "Isolier – und Quarantänestationsverband Kirnhalden" zur Verfügung stelle. Ernstfall bedeutete, dass bei einem Ausbruch einer Seuche in Baden Infizierte im Tälchen zwischen Kenzingen und Freiamt untergebracht werden sollten. Dann wäre das Haus am Berg mit seinen Bewohnern ausgezogen.
 

Aber für den Betrieb eines Pflegeheims, dessen Bewohner noch am Leben teilnehmen sollten, sei die Lage ungeeignet, so Braun. Deshalb habe man auch in Ottoschwanden eine Wohngruppe eingerichtet. Als sich dann der Quarantäneverband 2012 auflöste, sei auch der Bruderhaus Diakonie, einem Zusammenschluss von Haus am Berg und Stiftung Gustav Werner, das Ensemble angeboten worden. Wegen der Nachteile des Standortes für die Betreuung von psychisch Kranken habe seine Einrichtung aber das Angebot ausgeschlagen, erläuterte Braun. Menschen mit Unterstützungsbedarf auszuschließen, sei nicht mehr zeitgemäß. Früher habe man den Eindruck vermittelt, diese Menschen existierten gar nicht. Wichtig sei es, dass sich die Menschen mit schweren psychiatrischen Verläufen als Teil der Gesellschaft erleben können. Er hoffe deshalb auf ein Zusammenleben mit Kenzinger Bürgern ohne Vorbehalte.

Bürgermeister Matthias Guderjan erinnerte daran, wie die Bruderhaus Diakonie das Projekt vor zwei Jahren öffentlich vorgestellt habe. Er sicherte der Einrichtung alle Unterstützung zu.
Hurth: Zweckverband hat den Quarantäne-Zweck verloren

Landrat Hanno Hurth lenkte den Blick auf ältere Menschen, die mit psychischen Erkrankungen zu kämpfen haben. Er leitete über zum Vorhaben des Gesetzgebers, die Ausbildung für Altenpflege und Krankenpflege zusammenzulegen. Jedenfalls sei es bei einer Zusammenlegung nötig, Kranken- und Altenpfleger auch gleich zu bezahlen. Sonst würde der Mangel an Altenpflegern noch größer werden, sagte Hurth. Auch er erinnerte an den früheren "Isolier – und Quarantänestationsverband Kirnhalden". Dieser habe Kirnhalden als Standort für den Fall von Epidemien unterhalten. Doch die Pocken, um die es anfänglich ging, gebe es in Deutschland nicht mehr, und bei Epidemien seien heute Spezialkliniken zuständig. Deshalb sei der Zweckverband der badischen Kreise ein Verband ohne Zweck gewesen und habe sich aufgelöst.

Jürgen Beißinger, Leiter der Pflegeheime im Kreis Emmendingen (Altenpflege in Teningen und Sozialpsychiatrie in Ottoschwanden sowie jetzt in Kenzingen) sprach von der Offenheit, mit der Bürgermeister und Gemeinderat das Vorhaben in Kenzingen aufgenommen haben. Der Umzug sei ein Quantensprung. Etwa 35 psychisch kranke Menschen und fast ebenso viele Pfleger, Krankenschwestern und Verwaltungsmitarbeiter leben und arbeiten dann an der Wiesenstraße.

Strittig ist derzeit in Denzlingen, ob dort − wie in Ottoschwanden − eine weitere Wohngruppe eingerichtet wird. Der Gemeinderat will am Dienstag, 5. Dezember, entscheiden.

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