BZ vom 11.11.2017

Zu Besuch in VABO-Klassen an den GHSE in Emmendingen, in denen junge Flüchtlinge Deutsch auf verschiedenen Niveaus lernen.

EMMENINGEN. Vor zwei Jahren drang das Thema Integration mit der Flüchtlingskrise schlagartig in die Öffentlichkeit. Ein Ort der Integration ist die Schule – vorausgesetzt, die Sprachkenntnisse reichen aus, um in Regelklassen unterrichtet zu werden. Damit junge Flüchtlinge das erreichen, gibt es an vielen beruflichen Schulen die sogenannten VABO-Klassen. Auch an den Gewerblichen und Hauswirtschaftlich-Sozialpflegerischen Schulen Emmendingen (GHSE). Ein Schulbesuch.
Das Schulgelände den GHSE ist ein Labyrinth. Verwinkelte Gebäude, lange Gänge, düstere Treppenhäuser – und ganz hinten auf dem Geländer die Container. Der Platz reicht nicht aus. Die VABO-Klassen, die mehrheitlich Flüchtlinge besuchen, sind hier untergebracht. "Es ist gar nicht so schlecht, dass sie hier sind und ihre Ruhe haben", erklärt Lehrer Thomas Missagia.

VABO steht für Vorqualifizierungsjahr Arbeit und Beruf ohne Deutschkenntnisse. Im Landkreis Emmendingen gibt es an den drei Berufsschulen in Emmendingen und Waldkirch sieben solcher VABO-Klassen mit 100 Schülern – und eine Warteliste. An der GHSE sind es drei Klassen, denen in rund 20 Wochenstunden in unterschiedlichen Sprachniveaus Deutsch beigebracht wird. Diese Klassen sind erst seit der Flüchtlingskrise ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Aber kaum jemand weiß, was dort eigentlich geschieht.
 

Thomas Missagia weiß es. Er betritt das Klassenzimmer der VABO-Klasse 1 mit dem niedrigsten Deutschniveau. Die acht Schülerinnen und Schüler warten still. Es geht um das Verb "sein". Missagia geht die Hausaufgaben durch. "Kannst du mir einen Satz mit ’Ich bin’ bilden?", fragt er ein Mädchen aus dem Irak. Sie versucht es, holprig, doch am Ende schafft sie es, die Worte zu formen: "Ich bin müde." Auf der einen Seite des Raums sitzen die Jungen, auf der anderen die Mädchen.

Missagia hat in Heidelberg Italienisch, Geschichte und Deutsch auf Gymnasiallehramt studiert. Für seine Fächerkombination bekam er zunächst keine Stelle an Gymnasien. An der GHSE klappte es. Nun unterrichtet er 15 Wochenstunden in VABO-Klassen – und ist begeistert davon. "Der Umgang ist manchmal herzlicher, als in normalen Klassen", sagt er. Die Schüler gingen mehr auf die Lehrer zu, schüttelten ihnen die Hand zur Begrüßung. "Die Lehrer, die VABO-Klassen unterrichten, wollen das", sagt Missagia.

Benjamin Kleinstück ist Ansprechpartner für VABO-Klassen an den GHSE. Er schlug sich nach dem Studium mit Vertretungsjobs quer durchs Land. An der GHSE fand er eine langfristige Anstellung und schätzt die Herausforderungen, die eine VABO-Klasse schafft, aber sieht auch deren Probleme. "Das ist eine andere Pädagogik, als in Regelklassen. Wir müssen Pünktlichkeit und Verlässlichkeit stark vermitteln, weil die Schüler das in ihrem Berufsleben brauchen werden", sagt Kleinstück. Auch Missagia macht sich nichts vor: "Es gibt Schüler, bei denen man weiß, dass sie hier nie einen Schulabschluss machen werden." Und dann gibt es Situationen, die die Lehrer fassungslos machen. "Wenn ein Schüler zu mir sagt: ,Herr Kleinstück, Sie müssen uns schlagen, wenn Sie wollen, dass wir etwas tun’", sagt Kleinstück.

Jonas Muth ist seit zwei Jahren Schulsozialarbeiter an den GHSE. Das Büro des Diplompädagogen der Caritas ist ebenfalls im Container untergebracht. 20 Stunden pro Woche ist er hier. Dann können die Geflüchteten mit ihren Sorgen zu ihm kommen. Sie betreffen Bildungsplanung, sexuelle Aufklärung, Probleme in der Unterkunft, den Umgang mit Geld oder den Familiennachzug. Er fordert eine längere Beschulung und flexiblere Altersgrenzen für VABO-Klassen. Bisher liegt die Grenze bei 20 Jahren. Aber er sagt auch, dass der Landkreis bisher viel geleistet habe.

Eine andere VABO-Klasse. Dort können die Schüler am besten Deutsch sprechen. Sie sind deutlich älter als in der ersten Klasse, von den 15 Schülern sind nur zwei Frauen. Auch sie bearbeiten einen Lückentext, sind aber schon beim Präteritum angelangt. Es geht um Hans im Glück. Die Schüler lachen, kichern. Wenn sie sich beteiligen wollen, rufen sie drauf los. Ganz hinten sitzt der 19-jährige Maiser Aabu. Vor zwei Jahren ist er nach Deutschland geflüchtet. Bald wird er eine Ausbildung als Verkäufer bei Aldi beginnen.

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